Donnerstag, Oktober 10, 2013

Lectio brevior: Die angebliche Treue zur Botschaft Jesu

Lectio brevior: Die angebliche Treue zur Botschaft Jesu

In seinem überaus lesenswerten Blog äußert sich Gerd Häffner heute zur vom Freiburger Ordinariat herausgegebenen "Handreichung zum praxisgerechten Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten" und zu den (in Inhalt und Form erwartbaren) Diskussionen, die sich vor allem in konservativen Kreisen um dieselbe entwickelt haben.

Er kritisiert dabei ausdrücklich und umfänglich das Kirchenrecht, was ich sozusagen von Berufs wegen nicht so einfach unkommentiert stehen lassen kann.

Zu Recht weist Gerd Häffner darauf hin, dass das kanonische Recht keineswegs Ehen als solche für Unauflöslich hält, vielmehr kennt die Kirche die Unauflöslichkeit der Ehe nur für sakramentale Ehen (can. 1056 CIC), die wiederum nur zwischen Getauften zustande kommen (can. 1055 § 1 CIC).

De facto allerdings - auch hier hat Gerd Häffner recht - sind auch nicht alle sakramentalen Ehen unauflöslich, sondern nur solche, die (wie das Recht es sagt) vollzogen werden. Nichtvollzogene Ehesakramente hingegen hebt der Papst auf!

Nicht ganz Recht zu geben ist Gerd Häffner allerdings darin, dass nur die Ehe als vollzogen angesehen wird, "wenn die Ehegatten auf menschliche Weise miteinander einen ehelichen Akt vollzogen haben, der aus sich heraus zur Zeugung von Nachkommen geeignet ist" (can. 1061 § 1 CIC). Wenn man das Recht und die papale Praxis ganz gründlich auslegt, dann findet man drei Stadien der sakramentalen Ehe:
  1. Die gültige sakramentale nichtvollzogene Ehe, diese kann der Papst aufheben, das Sakrament wird dann zurück genommen.
  2. Die gültige sakramentale nichtempfängnisoffen vollzogene Ehe, diese ist zwar nach can. 1061 § 1 CIC keine vollzogene Ehe, nach päpstlicher Praxis aber eine nicht mehr auflösbare.
  3. Die gültige und (empfängnisoffen) vollzogene Ehe im Sinne des can. 1061 § 1 CIC.
Es ist mithin der Vollzug der Ehe, der diese für den Papst unauflöslich macht, nicht aber das Sakrament! Warum also im Rahmen der Debatte beständig eine Treue zur Sakramentalität der Ehe behauptet wird, das darf auf dem Hintergrund der päpstlichen Praxis zumindest in Frage gestellt werden.

Weit wichtiger aber scheint mir die Beobachtung zu sein, dass die Gegner einer möglichen amtlichen Zulassung oder wenigstens Duldung geschiedener Wiederverheirater es immer wieder schaffen, die Diskussion auf einen abseitigen Schauplatz zu verlagern, indem sie einen Konex herzustellen versuchen zwischen dem neutestamentlichen Scheidungsverbot (zu dessen Genese Gerd Häffner mehr zu sagen hat als ich) und der Frage der Zulassung zur Eucharistie, genauer gesagt: Zur Heiligen Kommunion.

Und diese Frage - rechtlich in den cc. 915 und 916 CIC erfasst - hat mit dem Scheidungsverbot gleich gar nichts zu tun. Nur auf dem Umweg über die problematische Ansicht, dass sexuelle Kontakte zwischen unverheiratet Zusammenlebenden erst dann zur schweren Sünde werden, wenn diese eine Ehe zu schließen versuchen, kann man überhaupt begründen, warum nach can. 915 CIC die Betroffenen von der Kommunion zurückzuweisen seien. Dies aber ist nicht - wie Gerd Häffner behauptet - ein kirchenrechtliches, sondern ein moraltheologisches Problem.




2 Kommentare:

Gerd Häfner hat gesagt…

Herzlichen Dank für die kirchenrechtlichen Hinweise in diesem Post. Es ging mir in meinem Beitrag allerdings nicht darum, das Kirchenrecht zu kritisieren (auch wenn ich zugebe, dass dieser Eindruck leicht entstehen kann). Ich wollte die so selbstsicher vorgetragene Berufung auf die »Botschaft Jesu« angreifen, die ein Abweichen von der derzeit gültigen Praxis angeblich unmöglich mache. Dass die Kirche auch eine rechtliche Dimension hat und haben muss und dass dafür die in den Evangelien überlieferte Botschaft Jesu nicht Basis sein kann, bezweifle ich nicht. Der Satz »eine Orientierung an der Botschaft Jesu kann ich als Grundanliegen des kanonischen Eherechts nicht erkennen« sollte in erster Linie den Unterschied benennen zwischen der Weisung Jesu, der es um einen (natürlich ernst gemeinten) Handlungsimpuls geht, und der Ausgestaltung im Eherecht, die Fragen der Gültigkeit, von Ehehindernissen, formalen Voraussetzungen usw. bedenkt, die notwendig außerhalb des Horizonts Jesu lagen. Und auf ein Zweites wollte ich hinweisen: Die unterschiedliche Behandlung sakramentaler und nichtsakramentaler Ehen ist von der Begründung des Scheidungsverbots in der Jesustradition her (Mk 10,2-10, mit Bezug auf die Schöpfungsordnung) gerade nicht zu stützen. Ich bin aber dankbar für Ihre kirchenrechtliche Präzisierung und Weiterführung und werde in einem Nachtrag in meinem Post darauf verlinken.

Anonym hat gesagt…

Mir fiel durch Zufall vor kurzem eine alte Dissertation von der Gregoriana aus dem Jahr 1977 in die Hände, die sich mit der Entstehung der päpstlichen Dispensvollmacht der nicht vollzogenen Ehe befasst. Autor ist ein österr. Kirchenrechtler, Erich Saurwein (war glaube ich später in Wien oder Linz lange Offizial). Fand ich hoch interessant und habe die Arbeit regelrecht verschlungen (ich mag sowas, historische Rechtsfragen, man versteht dann immer besser, warum die Dinge heute so sind wie sie sind). Eine ausgesprochen sauber argumentierte und erhellende Arbeit. Quellen sind einige Dekretalen Alexander III. und Urban III., die Saurwein für mich sehr überzeugend interpretiert. Das spielt in einer Zeit, als sich die Päpste noch nicht sicher waren, ob für die gültige und unauflösliche Ehe die Kopulation nötig ist oder der Konsens allein reicht. Mir war vorher gar nicht klar, dass das noch bis ins 13. Jh. hinein eine offene Frage war. Innozenz III. war offenbar sogar ganz dezidierter Anhänger der Konsentheorie und fand die Kopulationstheorie "barbarisch". Ein echter Römer :-)