Sonntag, Juli 21, 2019

Austrittswelle

Die derzeitige Entwicklung kommt nicht überraschend, wobei ich den Faktor MGH-Studie für vernachlässigbar halte. Um 2005 (das war vor der Mißbrauchskrise) herum traf ich auf einem Seminar Thomas  Mitschke-Kollande, der in seiner Zeit als Senior Director bei McKinsey immer auch Fragen zur Kirche in die regelmäßig laufenden soziologischen Vermessungen der Bevölkerung einbaute. Aus diesen Zahlen meinte er 2005 ableiten zu können, dass es insbesondere in den Bistümern Bamberg und Münster zwischen 2015 und 2020 zu einem massiven Anstieg der Kirchenaustrittszahlen kommen werde. Er hat damit schlicht recht behalten, und das läßt mich vermuten, dass seine damalige These nicht falsch war. Er verglich schlicht zwei Zahlen miteinander: Einerseits die Zahl derjenigen, die der Meinung waren, dass Kirche sich verändern müsse (ohne dass hier eine Richtung der Veränderung abgefragt worden wäre), andererseits die Erwartung, dass es Veränderung geben werde. Die schlechtesten Quotienten hatten damals Bamberg und Münster.



Man müßte dies nun tiefergehend evaluieren und mit den Zahlen für die evangelischen Landeskirchen vergleichen - aber auf der Oberfläche glaube ich schon vertreten zu können, dass es nicht die Mißbrauchskrise ist, die derzeit durchschlägt. Diese Erklärung mit der MGH-Studie ist nun sehr bequem für die Herren in Letztverantwortung: Sie sind nicht schuld, sie haben kein Kind mißbraucht, sie haben keinen Mißbrauchstäter gedeckt und auch jeden des Mißbrauchs verdächtigen sofort standrechtlich belangt - also lag und liegt es nicht an dem, was sie machen, und so machen sie weiter wie bisher. Man beklagt den Glaubensschwund, wofür vor allem die Familien (also die Laien) Verantwortung trügen, schafft noch ein paar neue Planstellen (wenn denn Geld da ist) und richtet noch ein paar Events aus und dialogisiert eifrig mit dem darob sehr dankbaren ZdK (am Ende wird stehen, dass man gerne eine Verwaltungsgerichtsbarkeit hätte, Frauen mehr Einfluss bekommen sollten und die Weihe von verheirateten Männer und von Frauen allgemein sehr wünschenswert wäre - mit mehr rechne ich nicht, und das ist alles schon bekannt).



Was fehlt, das ist auch nur eine Ahnung, was denn katholisches Leben im 21. Jahrhundert heißen könnte. Es genügt nicht, nach Neuevangelisierung zu rufen (das tun wir ohne Erfolg nun seit bald 40 Jahren), mangelnden Glauben zu beklagen (auch das tun wir ähnlich lange) und zu versuchen, die Personaldecke zu verbreitern (durch einen Ausbau der Berufungspastoral, Abgabe unerfreulicher Verwaltungsarbeit von Klerikern an Laien, Ausweitung der Zuständigkeiten der hauptberuflichen Laienmitarbeiter oder Aufwertung des Ehrenamtes), die Frage scheint mir eher die zu sein, wie man heute als Katholik so leben kann, dass man Glaube und Kirche als Stütze und Bereicherung seines Lebens erfährt und nicht als Korsett und Betrieb eines Museums.

Dienstag, März 26, 2019

Zahl der Messen je Seelsorgeeinheit - kein mathematisches Problem

Ein Klient berichtete mir per mail:
> Ein Schulfreund von mir ist aktives Kirchenmitglied einer Pfarrgemeinde im > Erzbistum Köln, deren Pfarrer Dekan ist und in der Gruppe "Pastorale > Zukunft" arbeitet. Der erzählte mir, dass in seiner Pfarrei der Hirtenbrief > vom Dekan so ausgelegt wird, dass am Sonntag inkl. Vorabendmesse in naher> Zukunft in einer Seelsorgeeinheit nur 1 Sonntagsgottesdienst gefeiert wird. > Die Gläubigen aus allen Kirchensprengeln  dieser Einheit versammeln sich in > nur einer Kirche zum Sonntagsgottesdienst. Ich habe dies ungläubig zur > Kenntnis genommen.
Meine Antwort:

Ich halte das für nicht vollkommen abwegig - jenseits aller pastoralen Bemäntelungen wird deutlich, dass die derzeit erarbeiteten Restrukturierungskonzepte sich an der Frage ausrichten, wie viele als Pfarrer geeignete Priester man im Jahre X haben wird, wobei X erstaunlich häufig ca. 2 Jahre nach dem 75. Geburtstag des Bischofs liegt und damit für denselben bedeutet, dass er dann in Rente sein wird. Damit ist abzusehen, dass es je Seelsorgebereich ca. 1,5 Priester geben wird, ein Priester darf am Sonntag zwei Mal zelebrieren, in Notzeiten auch drei Mal. Die deutsche  Bischöfe haben schon vor Jahren festgestellt, dass wir uns in einer solchen Notlage befinden, aber gut ist das nicht. Eucharistie ist theologisch gesprochen Höhepunkt des christlichen und auch des priesterlichen Lebens, und  sie sollte das auch für die konkrete Gemeinde und den konkreten Priester sein. Das geht aber schlicht nicht, wenn der Zelebrant von Altar zu Altar rennt. 

Ich meine daher, dass die die dritte Zelebration auf gar keinen Fall eingeplant werden darf, sie mag hier und da nötig sein, wenn der geplante Zelebrant kurzfristig ausfällt. Aber auch für die zweite Zelebration kann das Gesetzbuch nicht so gelesen werden, als solle man diese 
allsonntäglich vorsehen, sie kann aber bei Bedarf eingeplant werden.

Damit ist die Zahl der Sonntagsmessen in den Pfarreien klar limitiert, und zwar weit enger, als wir das bisher gewohnt sind. Bischof Woelki zieht meines Erachtens nach einen Schluss, der lange überfällig war: Ersetzen wir Masse durch Klasse, eine ordentlich vorbereitete und würdig gefeierte Messe gerahmt durch andere liturgische Feiern (Wortgottesdienste und 
Stundengebet) bedeuten zwar eine Umstellung, aber es kann zu einer Bereicherung führen. 

Die Eucharistie verliert dabei äußerlich an Bedeutung, aus dem einsamen Berg "Messe" wird der höchste Gipfel einer Berggruppe liturgische Feier, und es mag Wanderer geben, die häufiger die niedrigeren Gipfel erklimmen. Dass das so werden könne, das hat die Bischöfe lange dazu 
veranlaßt, den einen Berg so alleine stehen zu lassen wie es nur geht - Wortgottesdienste am Sonntag wurden lange angelehnt, weil da etwas verloren gehen könnte.

Das führte aber umgekehrt dazu, dass wir das gemeinsame Beten ohne Wandlung auf dem Altar ein wenig aus dem Blick verloren haben - kein Besinnungstag, keine katholische Konferenz konnten ohne Hl. Messe stattfinden, diesen Eindruck konnte man in den 1980ern und 1990ern haben, danach nahm das dann wieder etwas ab.

In einem Punkt aber widerspreche ich Bischof Woelki: Alle Erfahrungen zeigen, dass die Katholiken einer Einheit sich nicht alle an einem Ort und zu einer Zeit versammeln werden. Sie werden in ihre Kirche gehen, wenn da zur gewohnten Zeit gebetet wird. Erstaunlich vielen ist es dabei eher egal, ob da nun der Priester einer Eucharistie vorsteht oder ob in anderer Form feierlich gebetet wird. Man mag das bedauern, aber der stetig vorgetragene Hinweis einiger Bischöfe, die Menschen führen ja auch zum Einkaufen ein gutes Stück, zieht nicht. Ob es uns nun gefällt oder nicht - Menschen fahren für Lebensmittel ins nächste Dorf und für Kleidung in die nächste Stadt, Gottesdienst aber feiern sie am vertrauten Ort oder eben nicht. Gottesdienst scheint etwas anderes zu sein als Brötchen kaufen!

Es sind spannende Zeiten. Wir erleben - das wird immer deutlicher - das Ende einer Kirchenform, die mit der römischen Reichskirche im 4. Jahrhundert begründet wurde und immerhin 1.500 Jahre funktioniert hatte. Aber sie funktioniert nicht mehr - die Kirche wird deshalb nicht untergehen, aber sie verändert sich grundlegend.

Dienstag, November 27, 2018

Entlassung als schlechte Lösung

Warum ich gegen die automatische Entlassung straffällig gewordener Kleriker bin

Kein Statement von Opfervertretern in der kirchlichen Missbrauchsdebatte kommt ohne die Forderung aus, man solle die Täter sofort aus dem klerikalen Stand entlassen. Und auch Vertreter der kirchlichen "Obrigkeit" betonen immer und immer wieder, dass man eine Nulltoleranzstrategie verfolge, was - so hat es den Eindruck - in der Praxis auch bedeutet, sich von auffällig gewordenen Mitarbeitern so schnell es geht zu trennen.
Denn ein Verbleib im Amt, so wird suggeriert, sei weder den Opfern noch den Kollegen noch den Vorgesetzten zuzumuten. Daher könne der Kleriker nicht Kleriker bleiben, vielmehr müsse man ihn zum Laien machen.
Ich möchte im folgenden darlegen, warum ich diese Forderung für falsch halte. Ich tue dies in dem Wissen, dass eine solche Anmerkung nicht dazu geeignet ist, spontane Zustimmung zu heischen. Mein Anliegen ist dabei nicht von der Ansicht getragen, solche Taten wögen nicht so schwer und man solle Nachsicht mit den Tätern haben. Weder das eine noch das andere ist der Fall.
Die Blogsoftware lässt keine Fußnoten zu. Ich habe daher Anmerkungen, die ich andernorts als Fußnote formuliert hätte, deutlich kleiner gesetzt. Meist geht es um Hinweise, die dem kirchenrechtlich versierten Leser bekannt sein dürften, für andere jedoch eine Verständnishilfe sein sollen.

Anlässe für eine strafweise Entlassung im Kontext des sexuellen Missbrauchs

Der Katalog möglicher Taten, die zu entsprechenden Strafverfahren und am Ende oft zur Entlassung aus dem klerikalen Stand führen, ist recht umfänglich. Er deckt die Bereiche Besitz und Verbreitung  kinderpornographischer Bilder ebenso ab wie Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Innerhalb dieser beiden Tatgruppen finden sich unterschiedliche Häufigkeiten der Taten ebenso wie deutliche Unterscheide im Hinblick auf die Schwere der Taten. So wie es bei den aufgefundenen Bildern mal um einige wenige Nacktbilder und mal um mehrere Terabyte härtester Pornographie gehen kann, so reicht die Spannbreite der Taten gegen die sexuellen Selbstbestimmung von Grenzverletzungen mit fast Volljährigen bis hin zum hundertfachen schwersten sexuellen Missbrauch deutlich vorpubertärer Kinder. Alle diese Taten subsumiert der Codex Iuris Canonici in c. 1395 § 2 als Verfehlung gegen das sechste Gebot des Dekalogs, die mit einer gerechten Strafe zu belegen sei, die Entlassung aus dem klerikalen Stand nicht ausgeschlossen. 
Das kirchliche Strafrecht kennt als Strafmaß meist nur die höchst unbestimmte Formulierung der iusta poana, der gerechten Strafe. Diese Formulierung, die angesichts der weltweiten Geltung des Gesetzbuches nicht grundsätzlich abzulehnen ist, führt nach c. 1349 CIC dazu, dass zumeist keine Dauerstrafen verhängt werden dürfen. Die Entlassung aus dem klerikalen Stand ist eine Dauerstrafe, nicht, weil das Leben als Laie als besonders Buße verstanden würde, sondern weil der Kleriker mit der Entlassung seine Unterhaltsansprüche gegen den Bischof verliert.

Die Vorzüge der strafweisen Entlassung

Eine solche Entlassung bringt einiges zum Ausdruck:

  1. Sie ist die schwerste Sühnestrafe, die einen Kleriker treffen kann. Es ist kaum möglich, noch deutlicher werden zu lassen, wie sehr man solche Taten verdammt, als wenn man hier die schlimmste aller Strafen verhängt.
    Bisweilen wird auch die Exkommunikation der Täter gefordert. Eine solche Forderung verkennt jedoch, dass die Exkommunikation zu den sogenannten Beugestrafen gehört, deren Ziel darin besteht, den Delinquenten dazu zu bewegen, sein falsches Tun aufzugeben und sich mit der Kirche zu versöhnen. So wie der Delinquent nun aber sein gesetzwidriges Tun aufgibt, ist diese Strafe zwingend aufzuheben. Inhaltlich begründet wird diese Strafe damit, dass der Täter sich durch sein Tun von der Gemeinschaft der Gläubigen getrennt habe und solange diese Trennung andauere könne er am sakramentalen Leben der Kirche nicht teilnehmen. Als Sühnestrafe hingegen wäre die Exkommunikation nicht mehr Dokumentation einer Trennung des Täters von der Gemeinschaft der Gläubigen, vielmehr wäre sie eine Verstoßung des Sünders aus eben dieser Gemeinschaft. 
  2. Die Androhung der Entlassung und mehr noch die Erfahrung, dass Täter entlassen wurden, soll potentielle Täter von Taten abhalten - sie ist also als generalpräventive Maßnahme gedacht, die die Kinder schützt, indem sie potentielle Täter abschreckt. 
  3. Der Täter kann nach der Entlassung keine weiteren Taten in seiner Rolle als Kleriker mehr begehen - eine zumindest partikulär individualpräventive Maßnahme.

Vorzüge hinterfragt

Zu den auf den ersten Blick unstreitigen Vorzügen sind gleichwohl Bedenken anzumelden:

  1. Bekanntlich stehen Sexualstraftäter in der Gefängnishierarchie auf der untersten Stufe, und wenn Kinder involviert sind, dann steigt das Maß der Verachtung nochmals deutlich an. Und auch in der öffentlichen Wahrnehmung scheint es keine schlimmere Tat zu geben als der sexuelle Missbrauch Minderjähriger. In der sexuellen Gewalttat gegen Kinder kehrt das mythische Verbrechen in der einzigen Form wieder, die mit den Gegebenheiten der modernen Gesellschaft kompatibel ist. Wo man den sexuellen Missbrauch des Kindes zum schlechten Akt schlechthin stilisiert, steht man selbst vollkommen sicher auf der Seite des Guten.
  2. Ohne damit die Ernsthaftigkeit der Schuld in Zweifel ziehen zu wollen - so ist doch anzufragen, ob das hier angewendete one-size-fits-all Prinzip wirklich angemessen ist, wenn man für alle erdenklichen Straftaten an Minderjährigen im sexuellen Bereich immer ein und dieselbe Strafe verhängt. Zumal - darauf muss hingewiesen werden - derjenige, der einmal die Grenze überschritten hat, nichts mehr zu verlieren hat. So gibt es aus dem staatlichen Bereich valide Hinweise, dass lebenslange Freiheitsstrafen für Sexualstraftaten diese in ihrer Zahl nicht sonderlich verringern (das durchschnittliche Täter erwartet ja, nicht gefasst zu werden), sie aber die Überlebenschance der Opfer drastisch verkleinern. Denn die Tötung zur Verdeckung der Tat kann den Strafrahmen ja nicht mehr vergrößern, das tote Opfer jedoch kann den Täter nicht mehr identifizieren. Die verschärfte Strafe hat hier nicht nur generalpräventive Wirkung - sie kann auch zum Anlass für weitere, noch schwerere Taten werden.
    Das Trachten des Täters ist primär nicht auf die Vermeidung der Strafe als vielmehr auf die Vermeidung der Entdeckung gerichtet, so dass wichtiger als die Schwere der Strafe die Sicherheit der Entdeckung sein dürfte. Präventionsarbeit setzt daher aus gute Grunde sowohl darauf, potentiell gefährliche Situationen zu verhindern als auch darauf, es Opfern leicht zu machen, Taten anzuzeigen.
  3. Der individualpräventive Effekt, also den Täter von weiteren Taten abzuhalten, beschränkt sich bei der strafweisen Entlassung darauf, dass im Fall weiterer Taten die Kirche nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit stehen wird. Dabei bietet das kirchliche Recht weit bessere Werkzeuge an, die einen Täter von weiteren Taten abzuhalten in der Lage sein können.

Folgen der Entlassung

Fraglos - Priester zu werden ist eine tiefgehende Entscheidung, die der Kandidat lange bedenkt und so ist zu hoffen überlegt trifft. Die Bereitschaft, sich weihen zu lassen, ist die Antwort des Einzelnen auf eine als Berufung interpretierte Erfahrung. Auch wenn viele angehende Kleriker alternative Berufsideen haben mögen, die Frage des Seminaristen ist doch meist eine Ja-oder-Nein Frage, "Priester oder nicht Priester", und nicht etwa "Priester oder Lehrer". Diese ganzheitliche Dimension, das sich ganz in den Dienst nehmen lassen darf man nicht außer Acht lassen, wenn es zur Entlassung kommt. Auch da, wo sie wohl begründet und zu Recht erfolgt, stellt sie den Abbruch eines Lebensentwurfes und  damit eine tiefe Zäsur im Leben des Betroffenen dar.
Mit der Entlassung aus dem klerikalen Stand und ggf. aus dem Orden verlieren die Betroffenen das Recht auf Unterhalt und Versorgung, die werden aber auch befreit von ihrem Pflicht zum Gehorsam gegenüber ihren Oberen.
Wie der aus dem Klerikerstand Entlassene jenseits der persönlichen Befindlichkeiten da steht, das hängt extrem von den Faktoren Welt- oder Ordenspriester und Lebensalter ab. Im Grundsatz können zwei Gruppen ausgemacht werden - Priester deutlich unterhalb des Renteneintrittsalters und Priester im Rentenalter.
  1. Für beide Gruppen gilt, dass sie nicht Arbeitslosenversichert sind, so dass hier ggf. Alg II (Hartz IV) zu beantragen ist. Auch läuft der Krankenversicherungsschutz schnell aus, auch hier muss sich der Betroffene selbst um den nötigen Versicherungsschutz bemühen.
    Der Dienstgeber (Bistum oder Orden) muss den Entlassenen bei der Deutschen Rente nachversichern, das bedeutet,e s werden jene Beiträge nachgezahlt, die gezahlt worden wären, wenn Rentenversicherungspflicht bestanden hätte. Bei Ordensleuten (die kein gehalt beziehen) wird her allerdings der Mindestsatz zugrunde gelegt, bei Weltpriestern das real gezahlte Gehalt zugrunde gelegt.
    Was beide Gruppen in jedem Fall behalten, dass sind die im Dienst erworbenen Softskills: Beziehungen und Vertrauen zu Menschen aufzubauen, Verlässlichkeit zu suggerieren, zuzuhören etc. Gerade bei körperlich übergriffig gewordenen Klerikern sind es genau diese Fähigkeiten, die ihnen die Taten ermöglicht haben!
  2. Priester deutlich unterhalb des Renteneintrittsalters sind aus Sicht des Arbeitsamtes nicht einfach zu vermitteln, dennoch haben sie mit einem abgeschlossenen Theologiestudium sowie Erfahrung in Verwaltung und Management sowie in der Begleitung von Menschen durchaus Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die begangene Tat ist jedoch unter Vermittlungsgesichtspunkten als hinderlich zu betrachten, so dass ihnen je nach Persönlichkeit (vor allem Flexibiltät ist hier ein wichtiger Punkt) ein erfolgreicher Wechsel in einen anderen Beruf gelingen kann, aber auch ein Verbleiben in Hartz IV. denkbar ist.
  3. Bei Priestern im Rentenalter kommt es auf ihre Lebensgeschichte an: Der Weltpriester bekommt nach Jahrzehnten als Pfarrer eine Rente, die ihn nicht schlechter stellt als zuvor. Sofern er früher eine Haushälterin hatte, bekommt er netto sogar mehr Rente ausgezahlt als er als Pfarrer zur Verfügung hatte. Er darf also im weltlichen Sinne als abgesichert gelten. Dem nur zum Mindestsatz nachversicherte Ordensmann hingegen droht ein Leben in Altersarmut.

Der verurteilte Kleriker - Optionen des Kirchenrechts

Das priesterliche Dienstverhältnis ist eines der besonderen Art. Der Kleriker ist zu Stundengebet und Zölibat ebenso verpflichtet wie zum kanonischen Gehorsam gegenüber seinen Oberen, d.h. er hat das zu tun oder zu lassen, was diese ihm im Einklang mit dem Gesetz ge- oder verbieten. Aus diesem Dienstverhältnis erwächst ihm ein Anspruch auf ausreichenden und angemessenen Lebensunterhalt, dieser kann auch ganz oder teilweise in Naturalien geleistet werden.
Das schon genante Strafmaß der gerechten Strafe erlaubt es dem Gericht, fast beliebige Auflagen zu verhängen. Zu nennen sind hier 
  • Zelebrationsverbote oder -einschränkungen, 
  • Gebote, sich an bestimmten Orten aufzuhalten oder Verbote, bestimmte Orte zu meiden, 
  • Verpflichtungen zu Bußwerken (Gebete, Fasten, Wallfahrten,...),
  • Auflagen, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen,
  • Geldleistungen an die Opfer zu zahlen.
Verstöße gegen solche Anordnungen können ihrerseits sanktioniert werden, bis an den Punkt, an dem der Delinquent ausschließlich Naturalleistungen erhält (Wohnrecht im Priesterseminar, Vollverpflegung dort und priesterliche Kleidung aus der Kleiderkammer) bei Pflicht zur Arbeit, und wenn diese darin besteht, die (meist nicht vorhandenen) Latrinen zu putzen. Denn als Kleriker hat er einen Unterhaltsanspruch gegen den Bischof und damit keinen Anspruch auf staatliche Leistungen!
Damit hätte die Kirche Mittel an der Hand, dem straffällig gewordenen Priester weitere Taten zumindest erheblich zu erschweren, indem sie ihm ein Wohnen unter Aufsicht auferlegen, den Kontakt zu Kindern und Familien untersagen, die Nutzung des Internets verbieten oder klar beschränken, Meldeauflagen am Ort etc. 
Eine solche Lösung ist fraglos unangenehm für alle Beteiligten und erfordert die Bereitschaft, dem Täter oft, womöglich täglich zu begegnen. Es verlangt, mit Schuld umzugehen, Sühne ernst zu nehmen und sich den Kinderschutz etwas kosten zu lassen (dafür spart man die Nachversicherung bei der Deutschen Rente). Die Kirche könnte Täter aus ihren eigenen Reihen in einer Weise maßregeln, die dem Staat nicht möglich ist - darauf hinzuweisen war mir ein Anliegen.


Donnerstag, März 22, 2018

WhatsApp & Co - die Kirche und der Datenschutz.

Am 20. März teilte die Jugendkirche SAM aus Berlin auf facebook mit:
Aufgrund des Datenschutzes wird es uns leider untersagt, in Zukunft mit und über Messenger-Dienste mit Euch zu kommunizieren.
Diese Mitteilung ist illustruiert unter anderem mit einem nur teilweise sichtbaren Schreiben der Rechtsabteilung des Erzbistums Berlin, zu lesen ist die Anweisung, "Von Ihnen installierte Messenger sind zu löschen."

Auf dem Hintergund der auf uns zukommenden Europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) und des in ihrer Folge neu gefassten Gesetzes über den kirchlichen Datenschutz (KDG, mir vorliegend im aktuellen Amtsblatt für das Erzbistum Bamberg 4/2018) lag der Verdacht nahe, dass nun in der Tat die Verwendung von Messenger-Diensten untersagt sei. Dem ist nach meiner Einschätzung nicht so!

Die mir nun im Original vorliegende Berliner Dienstanweisung (ohne Frage ein Verwaltungsbefehl für Einzelfälle im Sinne des c. 49 CIC ist überschrieben mit der etwas irreführenden Betreff-Zeile "Untersagung der Nutzung von Messenger-Diensten", beginnt nach der Anrede dann aber mit der vermutlich zutreffenden Feststellung, "sie verfügen über mehrere dienstliche mobile Endgeräte" und teilt dann im Auftrag des Berliner Generalvikars mit, "dass aus Gründen des Datenschutzes die Nutzung von Messenger-Diensten wie beispielsweise WhatsApp, IMessage untersagt ist."

Diese Mitteilung irritiert in ihrer allgemein gehaltenen Aussage zunächst, erweckt sie doch den Anschein, als sei die Nutzung von Messenger-Diensten ganz allgemein untersagt. Für den Bereich der Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland gibt es kein solches Verbot, und auch für den kirchlichen Raum ist mir nichts derartiges bekannt. Ein allgemein verbindliches Verbot kann auch innerkirchlich nur auf dem Weg der Gesetzgebung erlassen werde, eine nur kirchliche Mitarbeiter verpflichtende Bestimmung wiederum würde lediglich dienstliches Tun erfassen können. Eine unbestimmte Feststellung, die Nutzung solcher Dienste sei verboten, hilft hier jedenfalls nicht weiter und kann niemanden verpflichten.

Verpflichtend ist allerdings die Löschung der Messenger von dienstlichen mobilen Endgeräten, soweit man dieses Schreiben nun erhalten hat (wer kein solches Schreiben erhalten hat, der ist auch nicht betroffen), Die Empfänger dieser Weisung werden gebeten, eine beiliegende Erklärung auszufüllen, zu unterzeichnen und an die Rechtsbateilung zurückzusenden. Ungeachtet der Formulierung als Bitte ist dies eine klare und zu befolgende Anweisung.

Das Bestätigungsformular seinerseits ist nach c. 17 CIC dazu geeignet, Unklarheiten des Verwaltungsbefehls aufzuhellen. Der Unterfertigte erklärt darin:
Ich bin darüber informiert worden, dass aus Gründen des Datenschutzes die Nutzung von Messenger-Diensten auf dienstlichen mobilen Endgeräten wie beispielsweise WhatsApp, iMessage untersagt ist.
HIer wird deutlich, dass sich die Anweisung alleine auf dienstliche, das bedeutet vom Dienstgeber finanzierten und in dessen Eigentum befindlichen Endgeräten die Rede ist. Dienstlich genutzte Privatgeräte (das soll es in der Pastoral hier und da geben) sind davon nicht erfasst!

Für den rechtsinteressierten Leser: Nach c. 18 unterliegen rechtsbeschränkende Gesetze der engen, also der wörtlichen Auslegung. Dies ist die aktuelle Fassung der alten regula iuris, Odia restringi et favores convenit ampliari, Beschränkungen sind eng, BEgünstigungen weit auszulegen.

Problematisch hingegen ist der zweite Satz der Bestätigung
Hiermit bestätige ich, dass ich bereits installierte Messenger gelöscht habe und keine Messenger Dienste nutzen werde.

Bezieht man dies auf dienstliche mobile Endgeräte, so sehe ich hier kein Problem - ich hoffe nicht, dass hier auch private Nutzungen derselben mit erfasst werden sollen, die sachgerecht enge Auslegung der Erklärung spricht dagegen.

Zusammengefasst vertrete ich daher die Ansicht, dass das Berliner Dekret
  1. nur den bindet, an den es namentlich gerichtet ist,
  2. und dies auch nur in Bezug auf jene mobilen Endgeräte, die ihm dienstlich zur Verfügung gestellt wurden.
Die Nutzung der Messenger-Dienste vom DienstPC aus ist damit auch nicht erfasst!

Da die EU-DSGVO aber dennoch die Frage offen läßt, ob und wie man solche Dienste nutzen darf, möchte ich zumindetst einige erste Hinweise geben, auf was man achten sollte:
  1. Daten werden immer da problematisch, wo man sie mit Namen verknüpft. Eine anonyme Anmeldung per Handynummer ist unproblematisch, weil EU-DSGVO so wie ich sie verstehe erst dann ins Spiel kommt, wenn auch der Name erfassen wird. Außerdem würde ich hier von kontingentem Handeln ausgehen, wer einen Newsletter aboniert, der darf sich nicht beschweren, wenn der auch ausgeliefert wird, solange er sich nur auch wieder abmelden kann und dann auch gelöscht wird.
  2. Nur die Daten erheben, die man wirklich braucht. Gerade immer wieder verwendete Anmeldeformulare neigen dazu, Dinge abzufragen, die gar nicht nötig sind und auch nicht verwendet werden (in der Jugendarbeit zB Schule und Klasse). Daten die man nicht hat, können auch nicht verloren gehen!
  3. Nur jene Daten elektronisch erfassen, bei denen das wirklich nötig ist. Für eine Fahrt mit Kindern und Jugendlichen ist es sinnvoll, auch die Nummern der Eltern parat zu haben - die können aber auch auch auf den Anmeldezetteln stehen, die nach der Fahrt in den Shredder wandern.
  4. Daten, die man nicht mehr braucht, vernichten und löschen. Das geht einfacher, wenn man die separat vorhält!
  5. Eine schriftliche Einwilligung zur Nutzung einholen. Wenn man jemanden um seine Nummer bittet, um ihn per WhatsApp über was auch immer zu informieren, dann würde ich hier schon kontingentes Handeln sehen. Anosnten gilt: Neben "Mein Kind darf sich in kleinen Gruppen frei bewegen" und "Bilder dürfen veröffentlicht werden" muss eben auch eine Klausel zur Datenspeicherung in Anmeldeformularen drin sein. 
  6. Bei "Dauerkunden"bei Umstellung auf einen anderen Messenger-Dienst auch eine neue Einwilligung einholen. Diese sollte dann alle verwendeten Kontaktwege - auch jene, deren Nutzung schon zugestimmt worden ist - auflisten.
  7. Spannender ist die Frage, wie man nun die Forderungen der EU-DSGVO nach verschlüsselter Speicherung, nach Sicherung vor Fremdzugriff und nach Garantie der rückstandsfreien Löschung realisiert. Gerade das letztere kann man bei einer guten Cloudsoftware der Diözese oder der Verwendung von Timemachine et al. knicken, die sind ja gerade dafür ausgelegt, genau das nicht zu machen. Daher nochmals der Hinweis, sich gut zu überlegen, was man in ein solches System aufnehmen will.
  8. Adressverzeichnisse regelmäßig entrümpeln.Kontakte, die weder aktuell verwendet werden und bei denen auch eine Verwendung in den kommenden Monaten nicht zu erwarten ist, löschen. Datenschutz ist leider unbequem.
Fraglos lösen soziale Medien wie facebook aber auch Messenger-Dienste wie WhatsApp bei Datenschützern erhebliche Bedenken aus, was aber keineswegs zu der Aufforderung führt, ab sofort in der Pastoral entweder gar nicht mehr oder nur noch per Post (auch snailmail genannt) zu kommunizieren.

Sonntag, Oktober 08, 2017

Ehekatechumenat - eine unpassende Bezeichnung für etwas sinnvolles

In der zurückliegenden Woche habe ich an der Wissenschaftlichen Fachtagung Ius semper reformandum - Reformvorschläge aus der Kirchenrechtswissenschaft, in Fachkreisen auch nach ihrem Tagungsort als Hirschbergtagung genannt, teilgenommen. Die Themen waren so breit gefächert, wie der Titel es erwarten ließ, und für meinen Teil kann ich sagen, dass ich viele Ideen und Anregungen mitgenommen habe.

Ein Thema, dass sich durch verschiedene Referate zog, war - nach Amoris Laetitae kaum verwunderlich - die Frage nach der Ehevorbereitung. Derzeit besteht diese in ihrem verpflichtenden Teil auf das sogenannte Brautexamen. Dies ist anders als der Name vermuten lässt keine Prüfung der Braut, vielmehr ist es ein Gespräch zwischen dem trauenden Priester und den Brautleuten, bei dessen Gelegenheit das Ehevorbereitungsprotokoll ausgefüllt wird, ein Fragebogen, der dazu dient, vorab festzustellen, ob der angestrebten Ehe etwas (zum Beispiel eine Vorehe oder verschiedene Konfessionen der Brautleute) im Wege steht, dass gegebenenfalls ausgeräumt werden kann. Auch werden in groben Zügen die wesentlichen Erwartungen der Kirche an Eheleute angesprochen und abgefragt, also Treue, Unauflöslichkeit der Ehe und die Offenheit der Brautleute gegenüber Nachkommen. Bei dieser Gelegenheit wird dann auch meist die Trauungsfeier selbst besprochen.

Es ist sinnvoll - und wird vermutlich von vielen Priestern auch so gehandhabt - an dieser Stelle über die Ehe selbst zu sprechen, über die Erwartungen der Brautleute an das Zusammenleben, über ihre bisherigen Erfahrungen und die keinesfalls unwesentliche Frage, wie man mit Unterschieden und Konflikten umgeht. Dies ist in einem Gespräch begrenzter Dauer in nur sehr überschaubarer Weise möglich, daher gibt es Angebote der Fachstellen für Ehe- und Familienpastoral, diese Themen tiefer anzugehen, das kann ein Besinnungstag, ein Wochenende oder auch ein längerer Kurs sein. Auf diese Angebote sollte anlässlich des Gespräches hingewiesen werden.

Nun gibt es seid längerem schon den Wunsch, dieses Angebot auszubauen und verbindlicher zu gestalten. Ähnlich wie vor Erstkommunion und Firmung sollten - so die Idee - Brautleute verpflichtet werden, sich miteinander und mit anderen auszutauschen über die Lehre der Kirche und die eigenen Erwartungen und so auf das Wagnis Ehe vorzubereiten. Denn ein Wagnis ist es, sich an einen anderen Menschen sein Leben lang zu binden, und nicht immer (in fast der Hälfte der Fälle) geht es gut. Hinter dem Gedanken einer verpflichtenden Forstbildung steht nicht weniger als die Hoffnung, dass man solchen Erfahrungen des Scheiterns vorbeugen kann, indem man lernt, miteinander über die eigenen Erwartungen zu sprechen, dass man sich der Grenzen der Ehe besser bewusst wird, dass man sich mit anderen über die eigenen Erfahrungen austauscht und so fort.

Das alles ist wie ich eine ein guter Gedanke - und doch meine ich, das alles das nicht Katechumentat genannt werden sollte. Katechumenat ist die Hinführung zum Glauben der Kirche in Theorie und Praxis. Es findet hierzulande - wo die meisten als Babys getauft oder nicht getauft werden - statt vor allem als Erstkommunion- und Firmkatechese. Hier hat der Begriff seine volle Berechtigung.

Für die Vorbereitung auf eine Lebensform in der Kirche (Klerikerstand, Ordensstand, Ehestand) sind Vorbereitungen vorgesehen - im Fall der Kleriker ein mehrjähriges Leben im Priesterseminar verbunden mit einem Hochschulstudium, im Fall der Ordensleute durch ein mehrjähriges Mitleben im Orden, Postulat und Noviziat genannt. Von einem Klerikerkatchumenat oder einem Ordenskatechumenat spricht hier niemand. Ich halte dies auch für gerechtfertigt, weil hier durch Taufe und Firmung mündige Christen sich auf einen Lebensstand vorbereiten, während diejenigen, die sich auf die volle Aufnahme in die Kirche vorbereiten, eben dies nicht sind. Und hier spielt es keine Rolle, ob es sich um Schüler der dritten Klasse oder Bewerber um die Erwachsenentaufe handelt - sie werden als Katechumenen in einen Glauben hineingeführt, den sie eben erst kennen lernen müssen.

Angehende Priester und Ordensleute mögen im Zuge ihrer Vorbereitung ihre Kenntnisse vertiefen, sie werden am Ende nicht augenommenerer sein als andere, nicht tiefer in die Geheimnisse hineingeführt als andere, sie werden "lediglich" in einen anderen Stand aufgenommen werden. Dies ist bei Eheleuten nicht anders! Daher plädiere ich sehr dafür, nicht von einem Ehekatechumenat zu sprechen. Wenn man sich an bestehende Terminologie anlehnen möchte, so scheint mir de Begriff eines Ehepostulates vor der Hochzeit und eines Ehenoviziates nach der Hochzeit passender zu sein.

Donnerstag, Februar 09, 2017

Erstkommunionvorbereitung und Sonntagspflicht

Zum Thema Kommunionkatechese kann und hat man schon viel geschrieben. Kirchenrechtler wie mich betrifft dies meist eher als Vater, bestenfalls als Katechet. Die Methoden der Vorbereitung sind höchst unterschiedliche - von der Einbettung in den Religionsunterricht über wöchentliche Gruppenstunden, sogenannte Tischmütter, gemeinsame Wochenenden bis hin zu regelmäßigen Sonnagsmessen mit vorausgehender oder anschließender Katechese, alle diese Elemenete kann man auch miteinander kombinieren, so dass der pastoralen Kreativität kaum Grenzen gesetzt zu sein scheinen.
Regelmäßig und berechtigt wird in fast allen Vorbereitungsprogrammen die Erwartung geäußert, dass die Kinder und deren Familien an der Sonntagseucharistie wöchentlich teilnehmen sollten. Auch hier ist eine Spannbreite zu beobachten - vom folgenlosen Appell bis hin zum Erfordernis eines  schriftlichen Nachweises. Nur das Einstempeln von Dienstsiegeln ist meines Wissens noch nicht beobachtet worden. Was aber geschieht, wenn dieser Nachweis fehlt, weil Kind und Familie eben nicht in der Sonntagseucharistie waren?
Ganz allgemein kann man sagen: meistens passiert nichts! Die Verantwortlichen machen deutlich, dass sie das nicht gut finden, aber deswegen ein Kind auszuschließen, das passiert dann doch nicht.
Was aber keineswegs geht, das ist, eine Erklärung für das Fernbleiben zu verlangen. Denn die Pflicht zur Mitfeier der Eucharistie ist eine so ernste, dass ihre Nichtbeachtung durchaus Grund für ein Gespräch mit einem Beichtvater sein kann. Geht hier doch nicht um das äußerliche Ableisten eines Werkes, sondern um die Pflege der Gottesbeziehung und die Verwirklichung des Christ-Seins - und damit um eine Frage, die das Gewissen des Einzelnen direkt berührt, wobei ich Gewissen verstehen möchte als jenen Ort, an dem wir in unserem Inneren Gott direkt begegnen. Eine höchst private und intime Angelegenheit, die daher auch nicht als Material in einer formell zu entscheidenden Frage herangezogen werden sollte.
Für den Kirchenrechtler ist die Angelegenheit recht einfach: Zur Eucharistie kann und muss jeder  Getaufte zugelassen werden, der rechtlich nicht daran gehindert  ist (c. 912 CIC), Kinder sind zuzulassen, wenn sie hinreichend vorbereitet sind und den Leib des Herrn ehrfurchtsvoll empfangen können (c. 913 § 1 CIC). Pastoral kann man sich gewiss nicht mit dem Minimum zufrieden geben - aber die Unzufriedenheit des Hirten ist kein Grund für einen Sakramentenausschluss.

Freitag, Mai 20, 2016

Dezentralisierung?

Papst Franziskus hat des öfteren darauf hin gewiesen, dass weniger in Rom und mehr vor Ort entschieden werden solle. In eine vollkommen andere Richtung verweist eine Entscheidung, die heute in Rom bekannt gegeben wurde. Es geht - die Sache ist an sich wenig aufregend - um die Errichtung von Instituten des geweihten Lebens, etwas salopper gesagt um die Gründung von Orden.

Die im Codex zu findende Theorie mutet insofern etwas eigentümlich an, als das es Sache der zuständigen kirchlichen Obrigkeit ist, so etwas zu errichten. Entgegen der gängigen Praxis, in der sich Mensch zusammenfinden zu einer Gemeinschaft, aus der dann ein Orden wird, wird hier das Bild eines Ortsbischofs entworfen, der die verschiedenen Charismen und Schwerpunkte der Orden in seinem Bereich evaluiert und bisweilen zu dem Schluss kommt, dass hier noch etwas fehle. Diese Lücke schließt er dann, indem er durch ein Dekret ein entsprechendes Institut gründet in der frohen Hoffnung, dass da dann jemand eintreten werde. Es ist bedauerlich, dass der kirchliche Gesetzgeber sich offenbar kein formelles Verfahren vorstellen kann, in dem sich eine Gemeinschaft erst bildet, dann wächst und schließlich amtlich anerkannt wird (auch wenn es praktisch meist so abläuft). Doch darum geht es hier eigentlich nicht.

Die entscheidende Norm (ohne Canon geht es in diesem Blog nicht) c. 579 CIC, die es dem Diözesanbischof erlaubt, Institute des geweihten Lebens in ihrer Diözese zu errichten - und nun kommt es -, dummodo Sedes Apostolica consulta fuerit - nur nachdem eine Beratung mit dem Apostolischen Stuhl erfolgt ist.

Zunächst zu den Begriffen:
  • Wenn hier der Diözesanbischof genannt wird, dann meint das auch nur diesen. Wenn an seiner Stelle auch der Generalvikar, der Offizial oder das Seelsorgeamt seiner Diözese tätig werden können, dann steht im Gesetzbuch das Wort Ortsordinarius. Konkret heißt das, dass ein entsprechendes Dekret die Unterschrift der Bischofs zu tragen hat.
  • Institut des geweihten Lebens ist der in der Gesetzessprache verwendete Sammelbegriff für alle Formen des gemeinschaftlichen Lebens in der Nachfolge Christi - von den alten Orden bis hin zu neuen spirituellen Gemeinschaften, an die der Einzelne sich durch ein Versprechen bindet.
  • Der apostolische Stuhl meint schlicht das, was wir meist meinen, wenn wir Rom sagen - der Papst, die römische Kurie, also der Verwaltungsapparat der Weltkirche.
  • Beratung - das ist eine ganz heikle Frage. Der Codex kennt eine ganze Reihe sogenannter Beratungs- oder Beispruchrechte, als dass Personen oder Gremien in bestimmten Situationen erst einmal gefragt werden müssen, bevor eine Entscheidung getroffen werden kann. Dabei gibt es Situationen, in denen der Rat eingeholt werden muss (bevor der Bischof eine Pfarrei gründet, muss er den Priesterrat fragen), weil die Entscheidung sonst null und nichtig ist Es genügt aber, dass das Gremium gefragt wird - an den gegebenen Rat halten muss der Bischof sich hier nicht. Dann gibt es Situationen, in denen der Entscheidungsträger die Zustimmung des Gremiums braucht, um gültig etwas entscheiden zu können (das ist in der Vermögensverwaltung oft so geregelt - wobei der Entscheidungsträger auch bei einer Zustimmung zum Beispiel zum Verkauf des Kirchengebäudes von dem Verkauf noch absehen kann). Und dann gibt es Situationen, in denen zwar ein Rat einzuholen ist - aber weder bindet dieser Rat den Entscheidungsträger, noch hat es Folgen, wenn er den Rat nicht einholt (das ist meist zwischen Pfarrern und Pfarrgemeinderäten so).
     
Was also bedeutet es, wenn der Bischof sich erst einmal mit Rom beraten soll, bevor er Ordensgründer wird (und damit die Chance auf die eigene Heiligsprechung deutlich erhöht)? Der Canon selbst gibt hier wenig her, zumindest aber ist festzustellen, dass ihm keine Nichtigkeitssanktion beigefügt ist. Demnach scheint ein Bischof erstens auch ohne Nachfrage in Rom Orden gründen zu können. Und zweitens scheint er an den römischen Rat nicht gebunden zu sein. Also zumindest in der Theorie....

In der eingangs erwähnten Entscheidung legt Papst Franziskus das Verfahren nun deutlicher fest, angeht: Ohne Zustimmung der Ordenskongregation ist ein bischöfliches Errichtungsdekret nichtig. Damit muss der Bischof sich nicht nur mit Rom beraten, er darf auch nur mit römischer Erlaubnis hier tätig werden.

Ein Schritt auf dem Weg hin zu einer vernünftig dezentralisierten Kirche ist dies sicher nicht. Zwar scheint es sinnvoll zu sein, hier eine gewisse Aufsicht walten zu lassen - zu einfach war es für eine Gruppe, die einen Orden gründen will, sich einen ihrem Anliegen gegenüber aufgeschlossenen Bischof zu suchen, der über berechtigte Bedenken seiner Kollegen hinwegzusehen bereit war. Aber ob solche Entscheidungen nicht besser bei den Bischofskonferenzen aufgehoben wären, die so die Pastoral in ihrem Bereich harmonisieren könnten in Kenntnis der lokalen Verhältnisse.